Bundesstraßensperrungen in Nord- und Mittelhessen für Transit-Lkw: Der Märtyrer der Nächstenliebe - oder: So manipuliert man mit Statistik

18.07.06

BGL. Frankfurt/M. - Seit der Heilige Alois(ius) 1591 in Rom bei der Pflege von Pestkranken selbst der Seuche erlag, gilt er als der Märtyrer der Nächstenliebe. Und die Nächstenliebe war zweifelsohne auch eine der Triebfedern, die unseren hessischen Wirtschaftsminister Dr. Alois Rhiel zu den Anfang Juli lautstark angekündigten Bundesstraßensperrungen für Transit-Lkw in Nord- und Mittelhessen bewogen hat. Oder war es doch eher die Heimatliebe - wie sonst ist es zu erklären, dass zwei der drei "neuen" Sperrungen ihren Anfangs- bzw. Endpunkt nur unweit von Amöneburg (des Geburtsortes unseres Herrn Minister Dr. Rhiel) im nordhessischen Cölbe haben?

Vielleicht waren es hehre Beweggründe, die ausschlaggebend sind, in der Statistik des Ministeriums aus einem zu klein erachteten Problem ein "richtig großes" zu machen. So liest sich zunächst eine Grafik im Newsletter der Hessischen Landesregierung vom 7. Juli 2006 wie eine maßstabsgetreue Umsetzung von Seite 45 aus Walter Krämers Statistik-Klassiker "So lügt man mit Statistik": Dargestellt ist der Lkw-Bestand in Hessen in den Jahren 1998, 2000 und 2005. Dabei beginnen die drei Säulen nicht im Nullpunkt, sondern irgendwo bei ca. 130.000 Lkw; dies hat den optischen Effekt einer Verdreifachung zur Folge, wo das tatsächliche Wachstum doch nur bei etwa einem Sechstel lag! Damit wurde das Wachstum des Lkw-Bestandes rund 13-mal größer dargestellt, als es in Wirklichkeit ist.
Leider ist diese "optische Manipulation" auch noch völlig sinnlos, denn die beschriebenen Fahrverbote richten sich ausdrücklich gegen Transit-Lkw - was sollen da Zahlen von in Hessen zugelassenen Lkw? Außerdem fehlen in den Lkw-Zahlen die Sattelzugmaschinen - diese werden in der amtlichen Statistik als Zugmaschinen erfasst und müssten noch zu den Lkw-Zahlen hinzuaddiert werden - und die verwendeten Lkw-Zahlen beinhalten alle Größenklassen von Lkw, also nicht nur die mautpflichtigen, sondern auch z.B. die Sprinter-Klasse, die den Löwenanteil der (zusätzlich angeschafften) Lkw ausmacht. Auch hier arbeiteten die Statistiker nach dem Motto "Masse statt Klasse".

Grundsätzliche Sinnfragen müssen ebenfalls bei den beabsichtigten Streckensperrungen gestellt werden. So führt die Sperrung der Strecke Kassel - Wommen (die B 7 vom A 7-Anschluss Kassel-Ost bis Wehretal und daran anschließend die B 400 von Wichmannshausen bis A 4-Anschluss Wommen) zu gigantischen Umwegen: 107 km statt 62 km - die Mineralölkonzerne grüßen und die Umwelt wird?s danken! Und die Sperrung der B 252 vom A 44-Anschluss Diemelstadt bis zur Kreuzung mit der B 62 bei Cölbe erhöht die zu fahrenden Kilometer auf der Strecke Diemelstadt-Gießener Nordkreuz sogar von 121 auf 177!

Als Ursache für die Streckensperrungen wird Mautausweichverkehr genannt. Warum wurden im vergangenen August dann die ersten drei Sperrungen bereits für Lkw ab 3,5 t zulässigem Gesamtgewicht (zGG) angesetzt, wo doch auch in Hessen bekannt war, dass die Mautpflicht erst bei 12 t zGG beginnt?

Zum Beleg für den Erfolg der Streckensperrungen werden im o.g. Newsletter der Landesregierung die Verkehrszahlen mautpflichtiger Lkw aus dem Jahre 2006 mit denen von 2004 verglichen. Soll der Bürger hier bewusst verladen werden, oder wissen es die Autoren nicht besser? Zur Erinnerung: Die Streckensperrungen wurden mit Mautausweichverkehren begründet. Die Maut wurde zum 1. Januar 2005 eingeführt. Also muss man das Jahr 2006 mit dem Jahr 2005 vergleichen - dann weiß man, wie viel weniger Lkw (oder auch nicht) auf dem betroffenen Streckenabschnitt seit Einführung der Sperren im August 2005 unterwegs waren; oder man vergleicht das Jahr 2005 mit dem Jahr 2004 - dann weiß man wie viel mehr Lkw (oder auch nicht) seit Einführung der Maut auf dem betroffenen Streckenabschnitt unterwegs waren. Vergleicht man 2006 mit 2004 weiß man - nichts.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass z.B. auf der B 27 bei Hoheneiche der Lkw-Verkehr bereits einige Zeit vor den Sperrungen des August 2005 gegenüber den gleichen Monaten in 2004 zurückgegangen war. Vielleicht ist das ja der Grund, den "merkwürdigen" Vergleich zwischen 2006 und 2004 zu ziehen.
Interessant ist weiterhin, dass die von Herrn Minister Dr. Rhiel bei dem Pressegespräch verteilten Zählstellenauswertungen - mit Ausnahme der B 27 - von keiner der betroffenen Strecken stammten. Dies gilt auch für die B 3, für die nur Zählstellen südlich des gesperrten Abschnittes aufgeführt sind. Was will uns Herrn Minister Dr. Rhiel mit diesen Zahlen beweisen - dass er (fast) nichts mit Zahlen belegen kann? Wenn ihm keine besseren Informationsquellen zur Verfügung stehen, könnte man ihn bedauern. Aber dafür besteht bei populistisch motivierten Aktionen kein Anlass.

Frankfurt am Main, den 18.07.2006

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