Schiene als Selbstzweck?

BGL fordert Kooperation der Verkehrsträger

29.11.02

BGL. Frankfurt/M. - In der Forderung des Vorsitzenden der "Allianz pro Schiene", Norbert Hansen, die Lkw-Maut in den nächsten zehn Jahren zu verzehnfachen, sieht der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e. V. nur noch puren Gruppenegoismus. Der vermeintliche Wettbewerber "Straße" sei jedenfalls nicht der Grund, weshalb Milliardensubventionen aus dem Staatshaushalt im System Schiene versickerten, ohne dass es zu Marktanteilsveränderungen in der Arbeitsteilung zwischen Schiene und Straße komme und im Güterverkehr sogar Rückgänge verzeichnet werden müssten. Ganz offensichtlich ist die fehlende logistische Orientierung und die nach wie vor nicht hergestellte grenzüberschreitende Vernetzungsfähigkeiten der Bahnen Haupthindernis für einen gewissen Fortschritt. D.h., die Hausaufgaben sind auf der Schiene nicht gemacht worden, wo sich nach wie vor Staatsmonopole gegen den Markt einrichten und den Steuerzahler zur Kasse bitten.

Aber auch in einem veränderten Szenario wird es technologiebedingt dabei bleiben, dass die Schiene ein Massentransportmittel ist, das nicht die filigranen Netzstrukturen des Systems Straße ersetzen kann. Das gleiche gilt für ökologische Schönfärbereien. Ein Gutachten von IFEU, Heidelberg, und der SGKV, Frankfurt, belegt, dass CO2-Ersparnisse bei der Verlagerung von Straßengüterverkehren nur bei hoher Auslastung von Ganzzügen und intelligenter Streckenführung der Bahn eintreten. Nur wer Verkehre auf der Schiene bündelt, erzielt ökologische Vorteile. Die Schiene generell als umweltfreundlich einzustufen, geht längst an der Realität vorbei. Die Zeiten des Einzelwaggonverkehrs in die Fläche sind ökonomisch längst vorbei und ökologisch sogar kontraproduktiv.

Es kommt deshalb darauf an, die Arbeitsteilung zwischen Schiene und Straße zu verbessern und nicht die Straße zu verteufeln oder gar zu Tode zu kalkulieren. Der Standort Deutschland als Exportstandort ist auf günstige Logistik- und Transportkosten angewiesen. Wer aus Eigeninteresse eine Verzehnfachung der Straßenbenutzungsgebühren fordert, der schädigt die Wirtschaft. Die Frage bleibt offen, wer dann die hohen Zuschüsse der Bahn in Zukunft bezahlen soll. Mit astronomischen Transportpreisforderungen an die Wirtschaft kann es zumindest in Deutschland keinen Aufschwung mehr geben. Ist es das, was die Eisenbahnstrategen wirklich wollen? Erhalt ihrer Naturschutzparks ohne Wettbewerb, und Verbesserung des Marktanteils dadurch, dass der Markt nicht wächst, sondern nur noch schrumpft.

Es wäre für Herrn Hansen ehrlicher gewesen, Beförderungsverbote auf der Straße zu fordern, denn die Verzehnfachung der Straßenbenutzungsgebühr ist nichts anderes als die Unterbindung von Transport und Mobilität von Gütern für einen Großteil der deutschen Wirtschaft. Zugleich bietet er mit seinen unrealistischen Forderungen einen tiefen Einblick in die desolate wirtschaftliche Situation der Bahn. Wie schlimm muss es wirklich um diese bestellt sein, wenn man glaubt, nur wenn die Straße zehnmal ihre Wegekosten zahlt, könnte die Schiene überleben und einmal ihre Wegekosten tragen. In der Tat ist es so, das zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, muss für Ausbau und Unterhalt des Schienennetzes volkswirtschaftlich etwa das Sechs- bis Siebenfache der Straßennetzkosten aufgewandt werden. Vielleicht ist es das, was Herrn Hansen umtreibt, in Verbindung mit der Vorstellung, man muss sowieso etwas mehr fordern, damit man das bekommt, was man eigentlich möchte. Echte Marktwirtschaft kennt dagegen keine Kostennivellierung, sondern nur Stärken und Schwächen.

Nur die Kooperation mit der Wirtschaft und dem Transportgewerbe und nicht das Feindbild Lkw können der Schiene wirklich helfen, ihre Stärken zu entwickeln. Aber da hapert es allzu oft wie in der Planwirtschaft. Mal gibt es keine Lokführer, mal keine Loks, dann keine Waggons. Die Liste der fehlenden marktfähigen Trassen für kombinierte Verkehre Straße/Schiene ist in dieser Mängelliste noch nicht enthalten. Achten wir deshalb darauf, dass Bahnlobbyisten es nicht schaffen, dass es bald viel weniger zu transportieren gibt, weil im Standort Deutschland der Handel und das Wirtschaften bei hohen Straßenbelastungen nicht mehr lohnt. Mehr als 4 Mio. Arbeitslose sind mehr als genug. Auch und gerade für Gewerkschaftsbosse - selbst wenn ihr Blick durch Interessenpopulismus verengt ist.

Frankfurt am Main, den 29. November 2002

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