Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e.V.

Pressearchiv 2003

11.07.2003
Freie Kapazitäten auf der Schiene über den Brenner - Die Bahn widerspricht sich selbst und täuscht die Öffentlichkeit

BGL. Frankfurt/M. – Am 1. August soll auf der Inntalautobahn in Tirol für den Straßentransport bestimmter Güter ein Fahrverbot in Kraft treten. Die Europäische Kommission hat die aus dem Güterkraftverkehr vorgebrachten Bedenken zur EU-Verträglichkeit dieser Regelung aufgegriffen und ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich eingeleitet. Wie die Kommission dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e.V. schriftlich mitgeteilt hat, verletzt dieses Fahrverbot nach dem derzeitigen Kenntnisstand „in erster Linie die Dienstleistungsfreiheit im Straßengüterverkehr sowie auch den freien Warenverkehr, ist diskriminierend und darüber hinaus unverhältnismäßig, was das angestrebte Ziel der Verbesserung der Luftqualität betrifft.“
Wen mag es angesichts dieser massiven Vorwürfe verwundern, dass derjenige Marktteilnehmer, zu dessen Gunsten dieses Fahrverbot eigentlich „veranstaltet“ werden soll, sich darum bemüht, der Tiroler Landesregierung Flankenschutz zu geben. „Wir können schnell unsere Kapazitäten hochfahren“, tönt es aus dem Haus DB AG. Die Eisenbahn-Achse über den Brenner von Deutschland nach Italien verfüge „über ausreichend freie Kapazitäten für eine komplette Verlagerung dieser Güter auf die Schiene.“
Das Transportgewerbe reibt sich verwundert die Augen: „Wenn es tatsächlich soviel freie Kapazitäten im Alpentransit über die Schiene gibt – warum wurden diese Kapazitäten denn in der Vergangenheit nicht am Markt angeboten?“ fragt BGL. „Wie erklären sich die nach wie vor hohen Wartezeiten unserer Lkw – eine Vorreservierung ist nicht möglich und ein freier Stellplatz daher noch nicht einmal gesichert – von 5 bis 6 Stunden vor dem Umschlagsterminal in Manching, um auf die Rollende Landstraße zum Brennersee zu gelangen? Der Begriff ‚freier Kapazitäten’ auf der Schiene dient objektiv nur als Nebelwerfer, um zu verbergen, dass zwar noch einige wenige ‚Fahrplanslots’ vorhanden sind, es aber an dem für den Transport der betroffenen Güter (z. B. für Baustoffe und Zementverkehre) erforderlichen Waggonmaterial mangelt.“ So zumindest die schriftliche Auskunft des Konzernbevollmächtigten der Bahn AG für den Freistaat Bayern gegenüber der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Schließlich gehe auch nicht darum, so der BGL, zu „irgendwelchen Zeiten irgendwelche Güterzüge“ fahren zu lassen: diese müssten vielmehr den Anforderungen der Kunden und der Transportgüter entsprechend zu Zeiten angeboten werden, die dem Transportunternehmer und Verlader eine termingerechte und zuverlässige Abwicklung z. B. im Nachtsprung gewährleisten. Viele Materialien erforderten spezielles Waggonmaterial, weil sonst hochwertiger Baustoff nur noch als Bruch nach Rangieren und Umschlagen an der Baustelle ankomme. Ähnliches gelte für die Beförderung hochwertiger Fahrzeuge, für die ebenfalls ein Beförderungsverbot gelten solle.
Eine Anmerkung zum Schluss: die Bahn verweist stolz auf die Verbesserung der „Pünktlichkeitsrate“ auf der Brenner-Achse auf 84 Prozent. Anders ausgedrückt bedeutet dies: jeder sechste Zug hat eine Verspätung am Zielbahnhof von mindestens einer halben Stunde! Und ob sich diese Pünktlichkeitsrate nach Einspeisung zusätzlicher Güterzüge bei Aufrechterhaltung der Vorfahrt für Personenverkehrszüge noch halten lässt, steht in den Sternen.
Der BGL empfiehlt der Bahn AG, es einmal mit Wettbewerb statt Planwirtschaft unter dem Deckmäntelchen des Umweltschutzes zu versuchen. Vielleicht gibt es dann realistische Angebote und keine sozialistischen, bei denen es einmal an Waggons, ein nächstes Mal an Lokomotiven oder gar Lokomotivführern mangelt.
Frankfurt am Main, den 11. Juli 2003

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